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Interview: Wird zu schnell operiert? 

Interview: Wird zu schnell operiert?

Immer mehr Pat. betreten die Praxis, einige mit sichtbaren Behinderungen. Anderen sieht man nicht an warum sie einen der drei Ärzte konsultieren.Wie lauten die Diagnosen?

neurochirurgie_3Zu uns kommen Pat. mit allen neurochirurgischen Krankheitsbildern, auch Hirntumoren. Manche Hirntumoren wurden zufällig entdeckt und verursachen keine Beschwerden, die man den Pat. ansehen würde. Ganz im Gegensatz zu einem  Wirbelsäulenpatienten, der humpelnd mit schmerzverzerrtem Gesicht die Praxis betritt.

Ich persönlich und mein Kollege Dr. Berger haben unsere Ausbildung zehn Jahre bei Prof. Dr. med. M. Samii im Nordstadtkrankenhaus Hannover verbracht. Danach habe ich von 2002-2005 mit Prof. Hussein aus der MHH im Städtischen Klinikum das gesamte neurochirurgische Spektrum operiert.

Generell beziehen sich über 90% unserer Fälle auf die Wirbelsäule. Die häufigste Diagnose ist die Einengung des Spinalkanals. An der Halswirbelsäule sind meist die seitlichen Nervenaustrittspunke (Foramen) betroffen, an der Lendenwirbelsäule zumeist der Nervenschlauch in der Mittellinie. Dazu kommen Instabilitäten (Wirbelgleiten) und Bandscheibenvorfälle.

Ganz häufig aber treten verschiedene Kombinationen von Bandscheibenschädigungen mit Einengungen der Mittellinie, oder der seitlichen Nervenaustrittspunkte, sowie Instabilitäten auf, verteilt über mehrere lumbale Segmente. Das macht die Erklärung und Behandlung des Krankheitsbildes anspruchsvoll und komplex.

Müssen sich Pat. mit der Aussage „ Das sind Verschleißerscheinungen und da kann man nichts mehr machen“ zufrieden geben.

Das kommt auf den Einzelfall an. Verschleiß als solches ist kein Krankheitsbild, sondern ein normaler Alterungsprozeß. Nicht jeder beschriebene Verschleiß ( Arthrose,Osteochondrose) verursacht Beschwerden.

Neurochirurgen unterscheiden  zwischen Verschleißerscheinungen an der Wirbelsäule mit und ohne Einklemmung von Nervengewebe. In der Regel verursacht die Nerveneinklemmung die Schmerzen und hierfür gibt es gezielte Behandlungsmethoden.

Läßt sich keine Nerveneinklemmung klinisch und durch die Bildgebung (CT/MRT) bei Rücken/Beinschmerzen nachweisen und findet sich auch keine andere Ursache (zB Durchblutungsstörung, Grunderkrankung) gehen wir von einem Schmerz des Muskel-Bandapparates aus.

In welcher Weise werden die Pat. ggf behandelt?

Bei Schmerzen empfehlen wir zunächst Schmerzmittel wie z.B.  Ibuprofen oder Voltaren, ggf. kombiniert mit einem Magenschutzmedikament. Inwieweit Krankengymnastik in allen Fällen sinnvoll ist, kann man nicht pauschal sagen.  In manchen Fällen, ohne neurologische Ausfälle, ist zunächst Abwarten die beste Lösung.

Bei länger anhaltenden Beschwerden werden von uns häufig gezielte Spritzen zum Teil unter dem CT an die Nervenwurzel durchgeführt. Dies kann insbesondere bei Bandscheiben-vorfällen die Probleme lösen, da sich ein Bandscheibenvorfall mit der Zeit auch von alleine zurückbilden kann. Die Spritze kann die Schmerzen lindern oder stoppen und die Nervenschwellung bekämpfen. Salopp gesagt: Sie ändert nichts an dem Bandscheibenvorfall, aber der Nerv regt sich nicht mehr so darüber auf. Wenn man Glück hat verschwindet der Bandscheibenvorfall dann ganz oder überwiegend von alleine.

Bei Spinalkanalstenosen bringt die Infiltration meistens nur eine vorübergehende Besserung, da sich die knöcherne Einengung von alleine nicht mehr zurückbildet.

Seit dem 01.07.2013 werden allerdings Infiltrationen an die Nervenwurzel mit Cortison nicht mehr als Kassenleistung bezahlt. Daher muss ein Patient von nun eine Cortisonspritze an den Nerven selbst bezahlen. Infiltrationen an die Nerven als Kassenleistung werden nur noch ohne Cortison mit Lokalanästhetika übernommen. Aus unserer Berufserfahrung lässt sich aber fsthalten, dass eine Spritze bei Nerveneinklemmung ohne Cortison nicht die gleiche Wirksamkeit hat wie mit Cortison.

In welchen Fällen steht eine Operation an? Wird zu viel operiert?

Grundsätzlich  kann man mit jedem Verschleiß an der Wirbelsäule 100 Jahre alt werden.

Es ist noch niemand am Verschleiß der Wirbelsäule gestorben, höchstens an der Behandlung.

Sicherlich gibt es Fälle, in denen Ärzte zu schnell und zu viel operieren. Sowohl niedergelassene- als auch Krankenhausärzte stehen unter wirtschaftlichen Druck, genauso wie die Krankenkassen und alle anderen Beteiligten im Gesundheitswesen auch.

Zur Operation gehören allerdings immer zwei – Arzt und Patient. Ohne starken oder länger anhaltenden Leidensdruck, würde ich mich persönlich nicht operieren lassen.

Dennoch gibt es viele Situationen in denen eine Operation sinnvoll, und der Patient dankbar ist. Wir raten zu einer Operation bei Nerveneinklemmungen die zu Lähmungen führen und somit die Funktion der Hand oder des Beines bedrohen. Ebenfalls bei Einklemmungen des Rückennmarks an der Halswirbelsäule, die schon zu Bildveränderungen des Rückenmarks im MRT geführt haben und mit Beinträchtigungen der Gang- und Standsicherheit einhergehen.

Darüber hinaus bieten wir eine Dekompression des Spinalkanals bei Spinalstenosen an, wenn eine ausgeprägte Einschränkung der Lebensqualität durch Schmerzen beim Gehen und Stehen vorliegt. Bei seitlichen Stenosen und Instabilitäten wird die Erweiterung des Spinalkanals durch Abtragen von Knochenkanten häufig mit stabilisierenden Maßnahmen(Schrauben-Stab-Systeme) kombiniert.

In dieser Technik bilden wir regelmässig interessierte Chirurgen, insbesondere ausländische Kollegen aus. Zuletzt den Gewinner des Stipendiums der Brasilianischen Gesellschaft für Wirbelsäulenchirurgie, der von Februar bis August 2013 bei uns hospitierte.

Ein Aspekt ist auch die häufig gestellte Frage, ob man sich mit über 80 Jahren noch an der Wirbelsäule operieren lassen sollte? Meiner Einschätzung nach ist nicht das absolute Alter entscheidend. Wichtig ist das biologische Alter, die allgemeinen Gesundheitsrisiken, sowie die Motivation und die Lebensumstände des Patienten, als auch das Können des Chirurgen. Ein Patient, der eine selbständige Lebensführung in seiner eigenen Wohnung hat und 85 Jahre alt ist, kann von einem erfahrenen Wirbelsäulenchirurgen bei begrenzter OP Zeit und begrenzter Narkosedauer erfolgreich mit gutem Ergebnis an der Wirbelsäule operiert werden.

Entscheidend ist auch, wie häufig Komplikationen bei einem Eingriff auftreten. Meiner Einschätzung nach kann ein erfahrener Wirbelsäulenchirurg die Komplikationsrate extrem niedrig halten.

Das wichtigste Prinzip unserer Praxis ist, dass kein Patient schlechter aus dem Krankenhaus herauskommt, als er hineingeht. Natürlich kann man nicht immer versprechen, dass alle Probleme und alle Schmerzen verschwinden.